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  • AutorenbildKatrin Wiemeyer

Schwarz-weiß. Der Hautkrebs und alles andere

Aktualisiert: 17. März

Teil 22


Frühling, lieber Frühling...oder warum befindet sich neben dem Krebsiausweis auch die Moralkeule in unserer Tasche?!


Hallo ihr Lieben, heute ist so ein wunderschöner Tag, ein "Schreibetag" quasi.


Ich sitze bei offenem Fenster, eine Tasse Kaffee, die Sonne scheint und die Vögel zwitschern um die Wette. Frühling, bitte bleib` und streichel` meine Seele. Hautkrebs hin oder her, ich liebe die Sonne immer noch, ganz besonders nach einem langen, grauen Winter. Ich liebe es, den Pflanzen beim Aufblühen zuzuschauen, diese Düfte in der Nase und das erste Mal, wenn man denkt, heute könnte ich die Jacke mal ausziehen. Man kommt sich ganz tollkühn vor, kramt die Sonnenbrille aus dem krümeligen Handschuhfach und vergisst bei lauter Musik auf dem Weg nach Hause die anstrengende Arbeit oder die to do`s, die noch zuhause warten.

An diesen Tagen fühle ich mich lebendiger als an anderen, oder vielleicht lebenshungriger. Die Leichtigkeit ist zurück.

Ich hab Lust auf Fahrrad fahren, Bus aufräumen und Tomaten pflanzen, ich hab Lust, meinen Mann noch mehr zu küssen und ein Eis zu essen.

"Lass` mal leben" steht auf meinem Arm und in meinem Herz.

Ich hoffe, es geht euch genauso und ich hab so eine Ahnung, dass diese aus meinem frühlingsgefühlsgeschwängerten (geiles Wort!) Kopf gesprudelte Einleitung wieder mal die Kurve zu meinem eigentlichen Thema kriegt...


Krebs und die Moralkeule

Ich glaube, wir sind uns alle einig, keiner von uns Betroffenen braucht Theorien anderer, die sagen, hätten wir weniger Urlaub gemacht, keine schönen Partys gefeiert und mehr Himbeeren gegessen, wäre uns das alles nicht passiert. Die Moralkeule von außen, die jagen wir alle aus dem Haus, ebenso die "guten Ratschläge", die sich schon von weitem mehr nach Schlägen als nach Rat anhören. Bleibt uns weg, ihr habt eh keine Ahnung.

"Lauf eine Woche in meinen Schuhen" denke ich oft "und dann können wir uns unterhalten".


Aber dann begegnet mir immer wieder die Moralkeule von innen.


Ich lese in unserer Gruppe , in den sozialen Medien und hier und da empörte Worte...

Wie kann es Solarien geben? Wer ist so dämlich und geht dahin? Hier in Spanien brutzeln die Verrückten in der Sonne! Wie kann man so ungesundes Zeug essen? Wie kann man überhaupt in den Süden fahren? Rauchen und Krebs geht ja mal gar nicht! Wie, du trinkst Alkohol? Wie, du trinkst keinen Alkohol? Also bei dem Veganen, da kann man ja nur an Mangel sterben. Zucker nährt den Krebs, das weiß man doch. Rotes Fleisch ist ein Killer! Wie, du lässt dich tätowieren? FKK , ne kurze Hose? Wer sich da noch wundert...


Ich denke, ich könnte endlos so weitermachen. All diese Sätze hab ich mir nicht ausgedacht, ich hab sie schon mal gehört oder gelesen.

Um das deutlich zu machen, natürlich weiß ich, dass Alkohol, Zigaretten und belgische Pralinen Mist für den Körper sind, ich weiß, dass Tattoos Farbe in Lymphknoten einlagern und gesunde Ernährung und Sport super sind. Ich weiß, dass braun werden nicht gesund ist und Solarien etwas vortäuschen, was sie nicht sind, denn "gesunde Bräune" gibt es nicht. Ich weiß, dass es am besten wäre, die Sonne zu meiden und vielleicht auch besser nach Norwegen zu fahren als nach Portugal. Cabrio fahren ohne Käppi und ins Freibad fahren bei 30 Grad, Ich weiß.....

Ich respektiere jede Person, die nach einer solchen Angst machenden Diagnose ihr oder sein Leben umkrempelt. Ernährung und Lebensweisen umstellt, die Sonne meidet, UV-Kleidung trägt und aufhört, zu rauchen. Oft bin ich sogar beeindruckt.

Aber ich respektiere ebenso alle, die weiterhin ne Zigarette und ein Glas Wein genießen, belgische Pralinen lieben und zum Strand gehen. Die Cabrio fahren, Wasserski oder das Gefühl haben, genau jetzt ist es Zeit für das lang überdachte Tattoo.


Ich verurteile auch nicht die Unbedarften, die sich einen Sonnenbrand im Freibad holen, "vorbräunen" im Solarium für ne gute Sache halten und mehr Steak als Sellerie essen.

Denn wisst ihr was? Ich war eine von ihnen!


Bevor ich selbst meine Krebsdiagnose bekam, war ich auch hin und wieder zu lang in der atlantischen Sonne.

Ich hab einige Jahre mit großer Freude geraucht und joggende Menschen waren mir schon immer fremd.


Was ich also sagen will, lasst uns die Moralkeule feierlich auf dem Platz für ungefragte Bewertung zerkloppen!


Lasst uns aufklären und beraten, ja! Aber nicht so tun, als wären wir besser, nur weil uns die Diagnose mal so richtig durch die Lebensachterbahn geschossen hat.

Lasst uns nicht bewerten, wie andere mit ihrem Krebs in ihrem Leben umgehen.

Die, die an allen Ecken Schutz suchen , sind so richtig wie die, die das Gaspedal jetzt erst recht durchtreten.

Uns eint der Krebs und viele Erlebnisse und Erfahrungen.

Aber wir sind immer noch unterschiedliche Persönlichkeiten.

Alle sind anders, unterschiedlich resilient, verschieden im Umgang mit Herausforderungen.

Ganz viel Sicherheit oder jetzt erst recht?

Was war oder ist dein Weg?

Egal...er ist so richtig oder falsch wie meiner.





Herzliche Grüße, deine Katrin






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