• Katrin Wiemeyer

schwarz-weiß. Der Hautkrebs und alles andere

Teil 2

Der freie Fall

Als die Ärztin, die ich nie wieder in dieser Praxis zu Gesicht bekommen sollte (Krebs = Behandlung vom Chef) mein Bein und den komischen Fleck betrachtete, reagierte sie quasi wie ein aufgescheuchtes Huhn. Ich bin nicht sicher, ob das Überbringen schlechter Nachrichten im Medizinstudium nicht zum Thema gemacht wird, sie war jedenfalls das schlechte Beispiel in Person.

Sie murmelte sowas wie „Um Himmels Willen…“, verriet mir dann noch, sie würde den Chef aus der Pause holen, um sich zu beraten und flatterte davon. Ich blieb zurück mit heruntergelassener Hose und freiem Blick auf den Bildschirm des PC, auf dem stand „MM, muss sofort raus!!!!!!!!!!!“

Ich hatte ca. 20 Minuten Zeit, auf diese Worte zu starren und mich zu fragen, in welchem falschen Film ich mich grade befinde.

Ich konnte nicht fassen, dass die Entfernung meines Muttermals anscheinend nicht mal Zeit hatte bis morgen. Gleichzeitig überrollte mich eine Angst, wie noch nie in meinem Leben.

Bis heute bin ich der Arzthelferin, die im OP an meiner Seite war, unfassbar dankbar.

Weitaus souveräner als die Ärztin hielt sie meine Hand, fragte mich, wen ich informieren möchte und gab mir das Gefühl, in guten Händen zu sein. Ich schrieb meinem Mann eine kurze Nachricht, dass er unsere Tochter abholen müsse, weil ich schon im OP liege. Was in seinem Kopf in den nächsten Stunden vor sich ging, weiß ich bis heute nicht.

Dann lief alles an mir vorbei wie ein Film….

Der „Chef“ betrat den OP und gab mir sofort ein Gefühl von Sicherheit. Er schickte die immer noch aufgeregte Ärztin raus und erklärte mir, dass ich schwarzen Hautkrebs habe und dieser so brandgefährlich sei, dass man wissentlich keinen Tag ein solches Melanom im Körper lassen würde, deshalb die Eile. Mehrere junge Ärztinnen betraten den Raum und fragten, ob sie mein Bein anschauen und Fotos zur Dokumentation machen dürften. Ich war ganz offenbar die Sensation der Woche.

Mit ruhiger Hand operierte mein Arzt und setzte sich hinterher einfach zu mir auf die Liege.

Ich weiß noch, dass er seine Hand auf mein Bein legte, eine Geste, die ich sehr beruhigend und respektvoll empfand.

Er erklärte mir, wie es nun weitergehen würde.

Einweisung fürs Krankenhaus, Pathologie, Wächterlymphknoten, schnell streuend…all diese Begriffe schwirrten durch meinen Kopf und gefühlt durch die Ohren wieder raus.

Alles war wie im Nebel.

In fünf Tagen sollte ich wieder kommen zur Befundbesprechung.

Und ich sollte nicht allein kommen.

Es war Lockdown, Begleitpersonen überall verboten…und ich sollte nicht allein kommen???

Ach du scheiße.

Ich zog mich mit zitternden Händen an, nahm dankbar das Traubenzuckerplättchen von der netten Arzthelferin und lief wie ferngesteuert zu meinem Auto.

Ich nahm mein Handy und rief meinen Mann an. „Ich habe Krebs und wir wissen erst nächste Woche, wie schlimm es ist. Was soll ich denn jetzt machen?“


Mein Mann sagte nur : „ Komm nach Hause…wir schaffen das.“

Ich weiß nicht mehr, wie ich gefahren bin - ich war völlig ferngesteuert. Aber ich weiß noch genau, dass ich geweint hab ohne Tränen und dass ich dachte, so muss es sich anfühlen, wenn man schreien will und kein Laut kommt nach außen.

Die folgenden fünf Tage waren freier Fall.




(Wir veröffentlichen auf melanominfo.com Blogs von Betroffenen, aber auch wertvolle und aktuelle Infos zur Krankheit. Katrin ist Moderatorin in unserer Online-Selbsthilfegruppe und berichtet über ihren Weg mit der Krankheit.