• Katrin Wiemeyer

Schwarz-weiss. Der Hautkrebs und alles andere.

Teil 9


Ist Krebs manchmal eine Chance oder einfach ein Arschloch?

Seit ich selbst zu diesem Verein dazu gehöre, begegnen mir die unterschiedlichen Gedanken Betroffener. Es gibt viele, die davon erzählen, wie die Diagnose sie "wach gerüttelt" hat.

Manche haben sogar ihr Leben umgekrempelt!


Sie haben Beziehungen beendet und begonnen, den Job gewechselt oder sind umgezogen. Vielleicht haben sie das Reisen für sich entdeckt, sich endlich getraut, mit nem Heißluftballon zu fliegen oder werden Yogalehrer:in.

Einige gehen mir so richtig auf den Keks, weil sie nur noch Radieschen mit Amaranth essen, Achtsamkeitssprüchlein verinnerlichen und grinsend durch die Welt joggen...aber ganz ehrlich, vielleicht bin ich auch nur neidisch auf soviel Selbstbeherrschung, die mir mal so völlig fehlt...

Auch ich gehöre zu denen, die den Krebs als Chance erlebt haben.


Zeit des Anhaltens

Nach dem ersten tiefen Fall mit großer Angst und vielen Tränen ließ sich der Rüttler vom Leben quasi nicht mehr wegschieben. Nach der Akutbehandlung und ihren Tälern stand ich da wie ein nasser Pudel ohne Plan, wo mein Körbchen hin gekommen ist. Wo gehöre ich hin? Wie will ich weiter machen?

Ich hatte das tiefe Gefühl, wenn ich mich jetzt nicht feste schüttle und mein Leben sortiere, "dann gehöre ich geschlagen", wie Oma immer sagte. So wurde diese Zeit zum ersten Mal in meinem Leben eine Zeit des Anhaltens. Corona trug seinen Teil dazu bei. Nicht nur ich hielt an, die ganze Welt stand irgendwie still, nur mit anderen Gedanken.

Immer war ich durch mein Leben galoppiert ohne Luft zu holen oder auf Symptome zu hören, die mein Körper mir schon lange geschickt hatte. Jetzt hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, anhalten zu dürfen. "wenn ich jetzt Krebs habe, dann wird das doch jeder verstehen", dachte ich.

Was für ein Irrsinn. Denn eigentlich ging es nicht um die anderen, sondern nur um mich selbst. Ich hatte diese Rolle der "Powerfrau" angenommen und mir selbst auferlegt, sie zu erfüllen. Aber das ist ein anderes, langes Thema. Wir Menschen und unsere Rollen, besonders auch wir Frauen und unsere Rollen...(zum weiter denken eingeladen !).

Für mich war die Diagnose also eine wirkliche Chance. Ich habe es schon oft gesagt, ich hätte mir nie erlaubt, so anzuhalten und Dinge zu verändern, wenn ich nicht als nasser Pudel vor meinem Leben gestanden hätte.


Wie sieht sie nun konkret aus, diese Veränderung?

Als erstes habe ich akzeptiert, eine lange Pause zu machen. Nachdem mich die Fatigue in die Knie gezwungen hatte, landete ich in einer langen Krankschreibung. Die ersten Wochen fragte ich meine Ärztin noch jedes Mal, "was denken sie denn, wie lang es noch dauert?" Irgendwann hab ich damit aufgehört - was für ein Schritt der Akzeptanz meiner neuen Identität! Es war beinahe therapeutisch, ich durfte schwach sein ohne die Aussicht, wann ich wieder funktioniere. Irgendwann kam die Erkenntnis, ich werde nicht mehr funktionieren wie früher und ich will es auch gar nicht!

Mit diesem Gefühl im Bauch suchte sich Frau Pudel wieder ihren Platz.

Ich fuhr zum zweiten Mal in die Reha und begann meine Wiedereingliederung. Ich reduzierte meine Arbeitszeit, nahm mir bewusste Pausen und rollte mal wieder die Yogamatte aus. Ich lernte, auch mal "Nein" zu sagen und staunte über das schlichte "Alles klar" meines Umfeldes.

Ich fing an, mich in der Selbsthilfe zu engagieren und meine Geschichte zu teilen, um anderen Mut zu machen.

Ich fing an, diesen Blog zu schreiben. Ich kaufte mir ne Jeans ne Nummer größer und nahm mir vor, jeden Tag zu genießen. Raus aus diesem "zum Glück, bald ist die Woche geschafft, ...haben wir Urlaub, ...kommt der Sommer und so weiter." Der Tag ist fast immer, was wir draus machen!

Natürlich bin ich jetzt nicht jeden Tag der Grinsepudel und das ist auch gut so, denn es ist auch wieder ein Stück Normalität. Dauernd dankbar sein wäre ein bisschen anstrengend auf die Dauer...


Es gibt kein RICHTIG oder FALSCH

Aber was ist nun mit denen, die bei solchen Worten wie meinen eben denken, sie müssen wahlweise brechen oder irgendwas kaputt machen?

Erst einmal, wir sind alle unterschiedliche Persönlichkeiten mit unterschiedlicher Geschichte und anderen Voraussetzungen. Nur weil wir alle Krebs haben, sind wir ja nicht alle gleich!

Außerdem glaube ich, es kommt vielleicht auch darauf an, wieviel wir ertragen müssen und können.

Ich weiß nicht, wie ich mit einem Stadium umgehen würde, das als nicht heilbar gilt. Ich weiß auch nicht, ob man die gleiche Kraft hat, wenn alles von vorne los geht, weil eine weitere Diagnose hinzu kommt.

Ich empfinde es als große Ungerechtigkeit, wenn Menschen sich durch Behandlung, Therapie und Angst gekämpft haben, neue Lebensperspektiven entwickeln, sich Träume erfüllen, für andere da sind und dann wieder und noch krasser den Boden unter ihren Füßen und Herzen weg gerissen kriegen. Richtig hilflos und wütend macht es mich, wenn Gefährt:innen sterben.

Dann ist Krebs einfach ein Arschloch.

Und trotzdem gibt es Menschen in unserer Gemeinschaft, die auch das annehmen, die auch aus dieser Lebenssituation das Gute herausholen. Ich habe solche Menschen kennen gelernt...in der Reha, in unserer Selbsthilfegruppe und über Plattformen im Netz.

Sie haben die Herausforderung angenommen, was bleibt ihnen auch. Sie leben, genießen, straucheln und stehen wieder auf. Ob sie ihre Erkrankung nur noch als Arschloch erleben oder als Chance, ist , denke ich, sehr unterschiedlich.

Letztlich gibt es kein richtig oder falsch. Die einen essen Amaranth, die anderen Schwarzwälder Kirsch. Die einen krempeln alles um, die anderen wollen so schnell wie möglich zurück in ihr altes Leben.

Manche fallen ins Bodenlose und andere lernen fliegen. Oder Beides?

Am Ende sitzen wir alle in einem Boot und doch ist jeder er selbst.