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  • Katrin Wiemeyer

Schwarz-weiss. Der Hautkrebs und alles andere


Teil 11


Frohes , neues Jahr!



Da ist es schon, das neue Jahr. Die Weihnachtszeit ist rum, 400 Dominosteine gegessen, Geschenke ausgepackt und die ganze Bude erst geschmückt und dann wieder entschmückt. Sylvester gefeiert, gute Vorsätze überlegt und kurz drüber gelacht und dann kam sie spätestens...die Zeit des Zurückblickens.

Wahnsinn, was in diesem Jahr wieder alles passiert ist.

2022 war mein drittes Jahr mit der Diagnose.

Ich habe wieder gearbeitet, mich in der Selbsthilfe hier und da engagiert und angefangen, diesen Blog zu schreiben.

Ich war auf Reisen, hab meinen großen Kindern beim Aus- und Weiterziehen zugeschaut, akzeptiert, dass Nummer vier jetzt lieber mit seiner Freundin als mit mir kuschelt und gelernt, dass Nummer fünf nur noch selten anziehen mag, was mir gefällt.

Unser Buch ist erschienen und ich war seit Jahren zum ersten Mal wieder auf einem Konzert.

Ich war in meiner dritten Reha, habe sie genossen und erfahren, dass man die Weltbeste Reha mit den Weltbesten Frauen nicht kopieren kann, aber dass man trotzdem tolle Menschen kennenlernen darf.

Ich habe Zusatzausbildungen als "Artgerecht-Coachin" und als Fachkraft für die Kleinsten gemacht.

Viel gelesen, Supervision erfahren, neue Berufsideen entwickelt und dann gemerkt, alles geht nicht. Auf jeden Fall nicht sofort.

Ich habe eine Position mit wesentlich mehr Verantwortung übernommen und arbeite wieder mehr.

Puh...wenn ich so drüber schreibe, geht mir fast die Puste aus.


Mit Vollgas ins neue Jahr?


Einerseits hab ich mir mein Leben zurück geholt und ich platze fast vor Stolz darüber. Noch im Jahr davor dachte ich, ich werde nie mehr belastbar sein, meine Angst wird mich irgendwann fressen und vermutlich krieg ich eh noch mehr von dem Krebs.

Heute denke ich, ich schaffe wieder richtig viel, meine Angst ist nicht weg aber sie kommt in Wellen, das lässt mich nicht so schnell untergehen. Und ob ich noch mehr Krebs habe oder kriege? Weiss ich, wenn es soweit ist, oder nicht. Und bis dahin wäre ich ja schön dämlich, wenn ich hier rumsitzen und meine Tage nicht nutzen würde.

Die liebe Pia, eine wundervolle Rehabuddyfreundin hat mir mal gesagt, "wie scheisse wäre es, jetzt nicht jeden Tag zu genießen, egal, wie das Wetter ist, ob du zur Arbeit musst oder dein Auto ne Macke hat." Es war eins der Gespräche, die man nie mehr vergisst.

Und genau so gehe ich in mein nächstes Jahr.

Ich habe vieles vor, Träume, Pläne und schlintze schon mal durch das ein oder andere Schlüsselloch.

Ich freu mich wie Bolle auf den Frühling, wenn alles anfängt zu blühen und unser alter Bus wieder frühjahrsgeputzt und schön gemacht wird. Ich möchte auch meinen Bulli aus seinem Campingschlaf wecken und ihn hier und da mal für kleine Tripps zu tollen Menschen nutzen...der kann nämlich mehr, als Einkaufstaschen transportieren.

Raus aus meiner Komfortzone,spüren, dass ich es allein schaffe, ohne meinen Fels, der mich in den ganzen Monaten getragen, geschoben und beschützt hat. Ich kann ihn ja anrufen, wenn ich Muffensausen kriege oder Sehnsucht.

Meiner kleinen Kita will ich wieder ein Stück von meinem Herz da lassen, aber eben soviel, dass es auch für zuhause noch reicht. Ich möchte die Zeit mit unseren "Kleinen" nutzen, ich weiß jetzt, wie schnell sie alle auf dem Weg sind und ihr eigenes Leben leben...und Zeit für meinen Mann und mich.

Was wäre ich ohne ihn?

Eine wackelnde Hälfte ohne Wärme, Hoffnung und Zuversicht.

Ich will reisen, pflanzen, lesen, lernen, begleiten und staunen.

" Ich will sagt man nicht, das heißt, ich möchte!"

Ein Satz aus meiner Kindheit, der sich heute so dumm anfühlt .

Denn mal ehrlich..."ich will" ist doch ein viel stärkeres Gefühl als "ich möchte" oder??


Die zwei Leben einer "Krebs-Tante"


Neben all den großen Plänen frage ich mich in diesen Tagen wieder einmal, wo gehöre ich jetzt eigentlich hin?

Da ist die "Krebs-bubble", wie wir sie in Oexen getauft haben. der geschützte Raum mit anderen, die mich verstehen, die mir nicht nur ans Herz , sondern ins Herz gewachsen sind.

Und da ist das normale Leben, die Arbeit, die Familie, Freunde von "früher".

Ich fühle mich manchmal, als würde ich nirgends mehr so richtig hin gehören.

In der Krebs-bubble leide ich mit bei schlechten Nachrichten, bin verzweifelt, wenn Gefährt:innen sterben.

Ich fiebere mit bei Nachsorgen, kann selbst nicht schlafen, dafür 100 mal aufs Klo, wenn ich wieder hin muss.

Ich schreibe, erzähle und höre zu.

Und manchmal denke ich, ist das noch mein "Zuhause" hier?

Steht es mir noch zu, mit zu reden und zu heulen, ich bin doch gar nicht mehr mitten drin?

Oder wäre es sogar besser, den Focus dieser Blase zu verlassen, um nicht immer wieder von den eigenen Monstern teuflisch grinsend auf der Bettkante abgefangen zu werden?

Und im Alltag? Kann ich wieder mit schwimmen mit dem Strom? Über Klima, Lebensmittelpreise und Pubertät quatschen, zur Arbeit gehen und mir höchstens Sorgen über den TÜV-Termin machen?


Ich weiss die Antwort nicht.

Vielleicht gibt es sie auch gar nicht. Oder noch nicht.

Heute bin ich Springerin zwischen den Welten.

Ich mache mir Gedanken über den Elternsprechtag, den Dienstplan und den TÜV-Termin.

Und ich denke mit einem Riesenkloß im Hals an die, die in der anderen Welt grade um ihr Leben kämpfen, Therapien ertragen, Träume begraben und auf kalten Kunstoffstühlen Befunden entgegen zittern.

Ich bin wieder in der Alltagswelt und schaffe, mit zu schwimmen.

Aber ich bin auch noch Teil der "Bubble".

Vielleicht den Rest meines Lebens.


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