• Katharina Kaminski

Zeit. Mehr Zeit.

Angelina - Versuch eines Nachrufs

In unserer Community sind wir alle vom Schicksal gebeutelt - die einen mehr, die anderen weniger.

Wir müssen oft schlechte Nachrichten verkraften. Was hilft, ist die Gruppenpower: das Wissen, das man nicht allein mit seinem Schmerz oder seiner Trauer ist.

Eine besonders schlechte Nachricht ereilte uns am Wochenende. Unser Mitglied Angelina, eine junge Mutter mit dreijährigen Zwillingen, ist an den Folgen ihrer Melanomerkrankung gestorben.


Die richtigen Worte finden!

Das hat Angelina immer geschafft: Gefühle und Situationen gut zu beschreiben. Und es ist eine Kunst in einer Gruppe, in der es hauptsächlich um Krebs geht (und in der man sich in der Regel nur schriftlich mitteilt). In ihren Posts hat sie sehr gefühlvoll, aber immer auch sehr exakt in Worte gefasst, was gerade bei ihr los ist: Welche Therapien angedacht werden, wo die Probleme liegen. Vor allem konnte sie aber über das reden, was sie bewegt. Sie sprach vielen Gruppenmitgliedern aus dem Herzen, wenn sie über ihre Angst berichtete, nicht mehr genügend Zeit mit ihren Kindern zu haben. Sie konnte das Glück nach einem positiven Staging so umwerfend gut (und lustig!) schildern, dass man selbst glücklich war. Durch ihre offene, teils ironische Art mit der Krankheit umzugehen, ist sie der Gruppe sehr ans Herz gewachsen. Einem Mitglied ganz besonders.


Eine besondere Liebe

"Wir haben gewusst, worauf wir uns einlassen und wir haben auch oft über den Tag X gesprochen. Aber dass es dann doch so schnell ging.... Wir waren immer hoffnungsfroh und positiv und haben uns gegenseitig Kraft gegeben - auch durch unsere Liebe.

Ein großer Wunsch war es, dass die Bestrahlung endlich stattfinden kann. Dafür musste jedoch erst die OP-Wunde heilen. Aber das hat nicht mehr geklappt."

Andy ist Angelinas Partner. Kennengelernt haben sie sich in unserer Community, der Facebookgruppe "Diagnose Hautkrebs - Wir lassen dich nicht allein!". Auch Andy ist betroffen, Stadium IV-Patient. Bei ihm hat die Immuntherapie Wunder bewirkt, die multiplen Metastasen in Knochen, Leber und sonst wo sind verschwunden. Als sich die lokale Selbsthilfegruppe in Essen trifft, sind auch Angelina und Andy dabei. Im Herbst letzten Jahres spürt man förmlich, wie es zwischen ihnen knistert und bald ist es offiziell: die beiden sind ein Paar. Sie verbringen ein wunderschönes, gutes Jahr miteinander. "Wir hatten Spaß, haben gelacht, gesungen und viel unternommen - alles, was man halt so macht und möglich war. ", sagt Andy. "Obwohl wir auch oft geweint haben, war sie glücklich. Ich auch."


Die Community als Halt

Angelinas Posts waren nie kurz. Egal, ob sie von sich selbst schrieb oder ob sie anderen Mitgliedern Trost gespendet oder Tipps gegeben hat: Wenn man von ihr las, hatte sie etwas zu sagen. Sie fühlte sich wohl in der Online-Gruppe, nahm sich aber auch Auszeiten, wenn ihr das Krebsthema zu viel wurde. Ihr Entschluss, ein Familienhörbuch aufzunehmen, stieß auf große Zustimmung und auch auf Respekt. Denn bei diesem Projekt erzählt man sein Leben, es wird aufgezeichnet und für die Hinterbliebenen gespeichert. Wir alle hofften, dass Angelinas Hörbuch nie benötigt würde. Jetzt sind wir dankbar, dass die Kinder diese wunderbare Erinnerung an ihre Mutter anhören können, wenn sie alt genug dafür sind.


Kämpfen für Zeit mit den Kindern

Auch bei Angelina gab es bis zum Schluss Zweifel, wie lange eine Therapie oder OPs noch sinnvoll sind. Sie hat sich dann dazu entschieden, alles medizinisch Mögliche machen zu lassen. Die Hauptsache war, noch Zeit mit den Kindern zu haben. In enger Absprache mit der behandelnden Oberärztin den Hauttumorzentrums wurden die Therapieschritte gemeinsam geplant. Auch ein Grund, warum Angelina die (teils sehr anstrengenden und nebenwirkungsreichen) Therapie durchzog. Ihr wurde auf Augenhöhe begegnet und sie durfte mitentscheiden. Immer das Ziel vor Augen, noch Zeit mit den Kindern verbringen zu können.


Die Community trauert

Was Angelina der Online-Selbsthilfegruppe bedeutete, kann man an den über 300 Kommentaren erahnen, die auf Andys Bekanntmachung vom Tod Angelinas folgten:

"Mein herzliches Beileid, ich hatte mir so sehr gewünscht, dass Ihre Tapferkeit belohnt wird. Viel Kraft in dieser schweren Zeit." (Petra)

"Ich bin grad geschockt und mega traurig, Angelina wird uns so fehlen. Ich denke an ihre Kinder, sie wurden so geliebt von ihrer Mama. Herzliches Beileid, lieber Andy." (Bianca)

"Andy, es tut mir so leid! Ich denke an dich, ihre Familie, ihre Zwillinge…sie hat die letzten Jahre so gekämpft und war so tapfer, ich habe so gehofft das wird belohnt. Das Angelina nicht mehr unter uns ist, ist auch für uns als Gruppe ein schlimmer Verlust.

Ich drücke euch und alle, die durch bspw. die YOKO Essen (die lokale Selbsthilfegruppe) näheren Kontakt mit ihr hatten. Wir werden ihr Andenken hochhalten." (Sarah)

"Oh nein. Die liebe Angelina. Ich bin grad richtig traurig. Weiß nicht, was ich schreiben soll. Sie war mir so eine liebe Freundin. Mein allerherzlichstes Beileid. Ganz doll viel Kraft für ihre Eltern und den Zwillingen. Und auch dir lieber Andy. Auf Wiedersehen liebe Angelina⚘️⚘️" (Klaus)


Im letzten November stand die YOKO-Gruppe in Essen Spalier (behelfsmäßig, wie man sieht) vor dem Gruppenraum, durch das Angelina und Andy liefen. Alle waren glücklich, dass die zwei sich gefunden hatten. Wir alle hätten dir und euch noch viel mehr Zeit gewünscht.



Tschüss, Angelina. Wir werden dich nicht vergessen. Rest in power!